Hallo Moderne

 
 Ausstellungsansicht „Wege der Moderne. Kunst in Deutschland 1900–1945“ mit Werken von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Mueller, Wilhelm Lehmbruck und Emil Nolde | Foto: Marcus-Andreas Mohr | Exponate: © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 für die Werke von Karl Schmidt-Rottluff; © Nolde Stiftung Seebüll

Ausstellungsansicht „Wege der Moderne. Kunst in Deutschland 1900–1945“ mit Werken von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Mueller, Wilhelm Lehmbruck und Emil Nolde | Foto: Marcus-Andreas Mohr | Exponate: © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 für die Werke von Karl Schmidt-Rottluff; © Nolde Stiftung Seebüll

Das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) war bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und deren Aktion „Entartete Kunst“ 1937 eines der bedeutenden Museen in Deutschland für die Kunst der Moderne, sprich die damals zeitgenössische Kunst. Mit dem Verlust nahezu der gesamten Sammlung der Moderne und den beschränkten Möglichkeiten nach 1945, eine neue Sammlung aufzubauen, sowie durch die repressive Kulturpolitik im Osten Deutschlands zwischen 1933 und 1989 ist das Wissen um die einstmalige herausgehobene Stellung des Museums heute dem breiten Publikum kaum mehr bewusst. Hinzu kommt die bislang nur sehr begrenzt zur Verfügung stehende Ausstellungsfläche in der Moritzburg, sodass die Sammlung stets nur rudimentär präsentiert werden konnte. Der  2017/2018 durchgeführte Umbau der Dauerausstellung ging mit einer Neukonzeption der Sammlungspräsentation für die Kunst des 20. Jahrhunderts einher. Nun besteht erstmals die Möglichkeit, die museumseigene Sammlung in ihrer Vielfalt und der ihr eigenen Profilierung zu präsentieren.

Im September 2017 eröffnete das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) im ersten Obergeschoss des Westflügels der Moritzburg eine umfassende Sammlungspräsentation zur Kunst in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit bewusstem Bezug auf die Ursprünge des ehemals Städtischen Museums für Kunst und Kunstgewerbe vereint die Präsentation Werke der Malerei und Bildhauerei mit repräsentativen Arbeiten aus dem angewandten Bereich aus der einzigartigen Sammlung Kunsthandwerk & Design. Etwas Besonderes stellt die Inszenierung der Kunst entlang der drei politischen Systeme in der ersten Jahrhunderthälfte dar und hierbei besonders die Thematisierung der Kunst im „Dritten Reich“. In einer diskursiven Gegenüberstellung wird sowohl das Fortwirken der Moderne in den 1930er und 1940er Jahren vorgestellt als auch die von den Nationalsozialisten offiziell anerkannte Kunst. Damit beschreitet das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) unter den Kunstmuseen in Deutschland einen neuen Weg in der Auseinandersetzung mit der eigenen Institutionsgeschichte sowie mit der deutschen Kunstgeschichte und der daraus abgeleiteten Präsentation der Sammlungsbestände. Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums, dazu:

 „Es geht darum, diese Kunst nicht länger wegzusperren, sondern sie anhand ausgewählter Künstler und ihrer Werke zu thematisieren und den Besuchern die Möglichkeit zu geben, im Vergleich beider Werkgruppen die Werke und Biografien der Künstler kennenzulernen und sich anhand der Objekt- und Textinformationen ein Urteil zu bilden über die Kunst und ihre Schöpfer im gesellschaftlichen Kontext der nationalsozialistischen Diktatur. Statt der bislang üblichen ausgrenzenden und schwarz-weiß-zeichnenden Präsentation von Kunst dieser Zeit will ich zu einem differenzierteren Nachdenken über das Kunstschaffen in dieser unmenschlichen Diktatur anregen."

In Fortsetzung dieses Ansatzes und Konzeptes eröffnete am 24. Februar 2018 der zweite Teil der Sammlungspräsentation mit der Kunst nach 1945. Dieser Teil der Dauerausstellung, der bislang im zweiten Obergeschoss des Westflügels gezeigt wurde, entfaltet sich künftig mit etwa 100 Werken der bildenden und angewandten Kunst auf 400 qm im gesamten Nordflügel. Damit präsentiert sich den Besucherinnen und Besuchern die Dauerausstellung zur Moderne im 20. Jahrhundert, dem Sammlungsschwerpunkt des Landeskunstmuseums, seit Frühjahr 2018 auf einer zusammenhängenden Etage vom Talamt im Südflügel über den Hauptausstellungsraum im Westflügel bis in den Nordflügel der Moritzburg auf insgesamt etwa 1 600 qm.

Auch mit der Inszenierung der Kunst nach 1945 bezieht sich das Museum klar auf die eigene Sammlung, die sich für diesen Zeitabschnitt historisch bedingt in erster Linie als eine Sammlung zur Kunst in der ehemaligen DDR darstellt. Dementsprechend bekennt sich das Museum deutlich zu seiner regionalen und historischen Verortung und präsentiert die Kunst in der zweiten Jahrhunderthälfte fokussiert auf die vielfältigen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten in der ehemaligen SBZ/DDR.

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Den Auftakt der Präsentation bilden in Halle (Saale) entstandene Arbeiten aus den späten 1940er Jahren bis Mitte der 1950er Jahre, jener Zeit, in der Künstler wie Hermann Bachmann, Herbert Kitzel, Erwin Hahs oder Gustav Weidanz im Anknüpfen an die von den Nationalsozialisten geächtete Moderne einen künstlerischen Neuanfang versuchten. Infolge der Formalismusdebatte um 1950 verließen viele von ihnen enttäuscht die neu gegründete DDR gen Westen. Im Kern der Präsentation werden offizielle sozialistisch-realistische Positionen kontrastiert mit Werken von Künstlern, die nach Wegen suchten, im Kontakt mit internationalen Entwicklungen zu bleiben bzw. Positionen der Moderne weiterzuentwickeln. Arbeiten beispielsweise von Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte oder Erich Neubert treffen u. a. auf Werke von Hermann Glöckner, Robert Rehfeld, Wasja Götze, Hans Ticha oder A. R. Penck und Hartwig Ebersbach. Mit den Telefonzellen-Bildern aus den 1980er Jahren des im sachsenanhaltischen Sangerhausen geborenen Einar Schleef öffnet sich die Präsentation perspektivisch in die Jahre nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten.

Die sogenannte Box im zweiten Obergeschoss des Nordflügels dient temporären Sammlungspräsentationen und ist im Rahmen der Eröffnung der neuen Dauerausstellung der Kunst in Halle (Saale) gewidmet. Hier wird vertiefend gezeigt, wie die halleschen Künstler an der Burg Giebichenstein und in ihrem Umfeld nach 1945 den künstlerischen Neuanfang versuchten und wie sie sich an den Vorgaben der Kulturpolitik der jungen DDR rieben, was zu oft im Verlassen des Landes resultierte. In der Vertiefungsebene in der Nordbox wird darüber hinaus den Lebensläufen und Werkentwicklungen dieser Künstler im anderen Teil Deutschlands seit den 1950er Jahren bis in die Zeit der Wiedervereinigung nachgegangen.