Wege der Moderne

Kunst in Deutschland 1900 bis 1945
im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das 1885 gegründete Städtische Museum für Kunst und Kunstgewerbe, das heutige Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), zu einem der wegweisenden Museen für die damals zeitgenössische Kunst, die Kunst der heute so genannten klassischen Moderne. Dieser Entwicklung wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 und deren repressiver Kunstpolitik ein Ende gesetzt. 1937 ging der größte Teil der Sammlung moderner Kunst verloren.

Das Museum besitzt heute eine breit gefächerte Sammlung sowohl der freien als auch der angewandten Künste. Dies spiegelt die Auswahl der Werke: Zu den Gemälden und Plastiken fügen sich Objekte aus der Sammlung Kunsthandwerk und Design wie auch kleinplastische Medaillen. In der Zusammenschau ergeben sie ein Bild des künstlerischen Ausdrucks ihrer Zeit. Die Präsentation im Westflügel der Moritzburg umfasst die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – entlang der deutschen Geschichte chronologisch zurückgehend in drei Abschnitten: zunächst die Kunst im „Dritten Reich“ zwischen 1933 und 1945, im mittleren Teil die Kunst in der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1933 mit den Schwerpunkten Neue Sachlichkeit und Abstraktion und schließlich die Kunst im deutschen Kaiserreich zwischen 1900 und 1918 mit dem Schwerpunkt Expressionismus.

Das 1904 von dem norwegischen Maler Edvard Munch geschaffene Porträt des Lübecker Augenarztes Max Linde steht als Auftakt stellvertretend für das Schicksal der Moderne in Deutschland: 1925 vermittelte Max Sauerlandt, erster Direktor des Museums zwischen 1908 und 1919, den Ankauf aus dem Besitz des Dargestellten. Im selben Jahr schrieb der renommierte Kunsthistoriker Will Grohmann: „Was in den entscheidenden Jahren zwischen 1905 und 1915 in der deutschen Malerei vorging, kann man außer in Halle höchstens noch an zwei bis drei öffentlichen Stellen in dieser Klarheit sehen.“

Diese herausgehobene Stellung des Museums führte 1937 zum Verlust seiner Sammlung. Um die Kunst der Expressionisten und ihr nahestehender Künstler wie Edvard Munch rangen die politischen Flügel der NS-Kulturpolitik bis 1937. In jenem Jahr wurden in deutschen Museen allein von Edvard Munch mehr als 80 Werke als „entartet“ beschlagnahmt – erstaunlicherweise nicht das Linde- Porträt in Halle (Saale). 1943 wurde es zusammen mit vier anderen Gemälden des Museums irrtümlich einem Transport von Raubkunst aus Frankreich mitgegeben, wodurch es 1945 letztlich nach München gelangte. Erst 1988 kehrte es im Rahmen des Kulturabkommens zwischen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik Deutschland nach Halle (Saale) zurück.

 

 

1900–1918

Die Anfänge der Moderne im wilhelminischen Kaiserreich

 
 Gustav Klimt: Bildnis (Frau) Marie Henneberg, 1901/1902, Öl auf Leinwand, 140 x 140 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

Gustav Klimt: Bildnis (Frau) Marie Henneberg, 1901/1902, Öl auf Leinwand, 140 x 140 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

 Edvard Munch: Porträt Dr. Linde, 1904, Öl auf Leinwand, 226,5 x 101,5 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

Edvard Munch: Porträt Dr. Linde, 1904, Öl auf Leinwand, 226,5 x 101,5 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

 Franz Marc : Die weiße Katze, 1912, Öl auf Pappe, 48,8 x 60 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

Franz Marc : Die weiße Katze, 1912, Öl auf Pappe, 48,8 x 60 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

 

Die ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts führten in Deutschland zu einem Aufblühen avantgardistischer Positionen in der Kunst. Erstmals in der Geschichte des Landes herrschte ein länger währender Frieden. In einem „Zeitalter der Sicherheit“, wie es der Schriftsteller Stefan Zweig nannte, rebellierte die nachwachsende Künstlergeneration gegen alles Etablierte und revolutionierte die Kunst. Hatte es im wilhelminischen Kaiserreich bereits der Impressionismus deutscher Prägung, wie ihn Max Liebermann, Lovis Corinth oder Max Slevogt vertraten, schwer, anerkannt zu werden, so ernteten die jungen Expressionisten zunächst nur Spott, Hohn und Verachtung.

In diese Zeit fällt die erste bedeutende Phase der Entwicklung des halleschen Kunstmuseums. 1908 wurde der junge Kunsthistoriker Max Sauerlandt als erster Direktor des Museums berufen. Er traf die wegweisende Entscheidung, das damals Städtische Museum für Kunst und Kunstgewerbe mit Blick auf die Gegenwartskunst, die Kunst der Moderne, zu entwickeln. Da noch keine nennenswerte Sammlung existierte, die ein Profil vorgab, konnte er das Museum binnen weniger Jahre zu einem der bedeutendsten seiner Zeit aufbauen.

Sauerlandts spektakulärster Ankauf war 1913 der von Emil Noldes Abendmahl (1909, 1937 beschlagnahmt, heute Kopenhagen, hier in einer Schwarz-Weiß-Reproduktion zu sehen als Referenz an den Verlust des Werks). Dieser Erwerb führte zu einem in den nationalen Feuilletons ausgetragenen Disput zwischen Sauerlandt und Wilhelm von Bode, dem Direktor der Königlich-Preußischen Gemäldesammlung in Berlin. Es ging um die Frage, ob ein Museum berechtigt sei, zeitgenössische Kunst anzukaufen, deren langfristiges Bestehen noch nicht erwiesen ist. Sauerlandt bejahte diese Frage und entwickelte das hallesche Museum zu einem Museum der Moderne.

 
 
 Wilhelm Lehmbruck: Badende, 1914, Steinguss, 92 x 30 x 37 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Wieland Krause 2013

Wilhelm Lehmbruck: Badende, 1914, Steinguss, 92 x 30 x 37 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Wieland Krause 2013

 

 

1919–1933

Stilistische Vielfalt der Moderne in der Weimarer Republik

 Wassily Kandinsky: Abstieg, 1925, Aquarell und Tusche auf Papier, 484 x 322 mm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg. Foto :  Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Wassily Kandinsky: Abstieg, 1925, Aquarell und Tusche auf Papier, 484 x 322 mm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg. Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

 El Lissitzky: Proun 30, 1919 /1920, Mischtechnik auf Pappe, 49,5 x 39,5 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Klaus E. Göltz

El Lissitzky: Proun 30, 1919 /1920, Mischtechnik auf Pappe, 49,5 x 39,5 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Klaus E. Göltz

Diese Zeit war der Höhepunkt in der Geschichte des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale). Zwar hatte dessen erster Direktor Max Sauerlandt nach dem Ersten Weltkrieg die Leitung des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg übernommen, doch arbeitete er als Berater des für die Stadtentwicklung wegweisenden Oberbürgermeisters Richard Robert Rive weiterhin maßgeblich am Ausbau der halleschen Sammlung. So vermittelte er Ende 1924 den Erwerb der Sammlung von Ludwig und Rosy Fischer mit 24 Gemälden, u. a. von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Nolde, Kokoschka und Marc. 1926 übernahm Alois J. Schardt die Museumsleitung, erweiterte das Sammlungsprofil um Positionen der zeitgenössischen Abstraktion, u. a. von Lissitzky und Kandinsky, und modernisierte die Sammlungspräsentation. Bis 1933 entwickelte sich das Museum zu einem der führenden Museen für moderne Kunst in Deutschland.

 
 Paul Klee: Phantastische Flora, 1922, Mischtechnik (Öl und Aquarell) auf Papier auf Karton aufgezogen, 43,7 x 35 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

Paul Klee: Phantastische Flora, 1922, Mischtechnik (Öl und Aquarell) auf Papier auf Karton aufgezogen, 43,7 x 35 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Bertram Kober

 Ewald Mataré: Finnisches Pferd, 1929, Bronze,  Dauerleihgabe, Foto: Siegfried Gergele, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg © VG BILD-KUNST, Bonn 2017

Ewald Mataré: Finnisches Pferd, 1929, Bronze,  Dauerleihgabe, Foto: Siegfried Gergele, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg © VG BILD-KUNST, Bonn 2017

 

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs radikalisierten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse, was auch die Künstler reflektierten. Politische Unruhen und soziale Missstände wurden besonders von den Veristen, einer Gruppe innerhalb der Neuen Sachlichkeit, thematisiert. In Halle (Saale) war Karl Völker ihr wichtigster Vertreter. In seinen Darstellungen setzte er sich mit den gravierenden Veränderungen im Erscheinungsbild der modernen Stadt auseinander. Parallel schuf die erste Generation der Expressionisten Werke, die den vor 1914 gefundenen Stil fortführten. Vor allem erweiterten ungegenständliche Positionen das Spektrum des künstlerischen Ausdrucks. Neben sich aus dem Vorkriegs-Expressionismus ableitenden Werken wie dem Schöpfungstag von Paul Fuhrmann stehen rein künstlerische Konstruktionen wie von Erich Buchholz oder Walter Dexel.

 

 

1933–1945

Die Verdrängung der Moderne im „Dritten Reich“

 
 Otto Dix: Versuchung des heiligen Antonius, 1942, Öl auf Holz, 81 x 100 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg Foto: Punctum/Bertram Kober © VG BILD-KUNST, Bonn 2017

Otto Dix: Versuchung des heiligen Antonius, 1942, Öl auf Holz, 81 x 100 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg Foto: Punctum/Bertram Kober © VG BILD-KUNST, Bonn 2017

 Werner Peiner: Frühmorgen in der Eifel, 1932, Öl auf Pappe, 50 x 70 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Peter Franke, ©VG Bild-Kunst Bonn

Werner Peiner: Frühmorgen in der Eifel, 1932, Öl auf Pappe, 50 x 70 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Punctum/Peter Franke, ©VG Bild-Kunst Bonn

 Emil Nolde: Abendfriede, 1930er, Öl auf Leinwand, 73,5 x 100 cm, Leihgabe Sammlung Kracht, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt - Kunstmuseum Moritzburg, Foto :  Ludwig Rauch © Nolde Stiftung Seebüll

Emil Nolde: Abendfriede, 1930er, Öl auf Leinwand, 73,5 x 100 cm, Leihgabe Sammlung Kracht, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt - Kunstmuseum Moritzburg, Foto: Ludwig Rauch © Nolde Stiftung Seebüll

 

Während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Verwaltung der Stadt Halle (Saale) war Johannes Weidemann ihr Oberbürgermeister und damit oberster Vorgesetzter des Museumsdirektors. Weidemann war bestrebt, die Stadt zu einem vorbildlichen Gauzentrum zu entwickeln. Trotz seines ausgeprägten Engagements für die Kunst der Moderne wurde Alois J. Schardt, Direktor des Museums seit 1926, im Frühjahr 1933 nicht, wie viele seiner Kollegen, aus seinem Amt entlassen. Allerdings führte seine Verweigerung einer Neuorganisation des Museums dazu, dass 1935 Hermann Schiebel, Rektor der Kunstschule in der Burg Giebichenstein, mit der Amtsführung betraut wurde. Dieser etablierte eine „Sonderabteilung ‚Expressionistische Kunst‘“. 1939 übernahm mit Robert Scholz einer der führenden NS-Ideologen die Leitung des Museums. Gemeinsam mit Alfred Rosenberg war Scholz maßgeblich an den Raubkunstaktionen in den besetzten Gebieten beteiligt.

 
 Gerhard Marcks: Alcina, 1935, Steinguss, 114 cm, Dauerleihgabe, Foto: Wieland Krause © VG BILD-KUNST, Bonn 2017-08-23

Gerhard Marcks: Alcina, 1935, Steinguss, 114 cm, Dauerleihgabe, Foto: Wieland Krause © VG BILD-KUNST, Bonn 2017-08-23

 

Für die Künstler der Moderne bedeuteten die repressiven kulturpolitischen Verhältnisse im „Dritten Reich“ massive Einschränkungen. Die Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden Künste war Voraussetzung, um ausstellen zu können und Bezugsscheine für Arbeitsmaterialien zu erhalten. Wie alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens war auch das Kunstsystem gleichgeschaltet worden. Künstler der Avantgarde, die das Land nicht verließen, suchten nach Wegen, sich selbst und ihrem Schaffen treu zu bleiben, ohne sich mit dem Regime gemein zu machen. Hiervon zeugen ihre Biografien und die präsentierten Werke.